Source: https://www.finanzagenda.de/positionen-und-papiere/nationale-themen/weitere-themen/DIW--Anlagen-fuer-den-Ruhestand-sind-Vertrauensgueter
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Dr. Jochen Pimpertz vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) spricht im Interview über die aktuelle Lage beim Thema Altersvorsorge in Deutschland und den Stellenwert von Beratern.
Herr Dr. Pimpertz, im vergangenen Sommer gab es eine regelrechte Rentenpanik, demnach seien 50 Prozent der Rentner von Altersarmut bedroht. Wie beurteilen Sie den Stand der Altersvorsorge in Deutschland?
Dr. Jochen Pimpertz: Diese Zahl bedürftiger Ruheständler war zu hoch gegriffen, das haben alle Experten so gesehen. Heute liegt der Anteil der Deutschen mit bedürftigkeitsgeprüfter Grundsicherung bei etwa 9 Prozent. Unter den Ruheständlern beträgt dieser Wert gerade einmal 3 Prozent, das Armutsproblem ist dort also längst nicht so verbreitet. Und man muss wissen: Die Statistik zur Armutsgefährdung betrachtet nur das verfügbare Einkommen im Alter, aber nicht eventuelles Altersvermögen – also etwa Immobilien oder eine Lebensversicherung. Vor diesem Hintergrund würde ich sagen: Es besteht kein Grund zur Panik, aber wiederum auch nicht zur Entspannung. Denn um den Lebensstandard im Alter zu halten, ist private Vorsorge notwendig.
Welchen Stellenwert wird diese private Vorsorge Ihrer Meinung nach denn künftig besitzen?
Das ist schwer zu verallgemeinern, denn natürlich kommt es bei dieser Frage auf die jeweilige Haushaltssituation an. Zum Beispiel wissen wir ja, dass es eine sogenannte Erbengeneration gibt. Aber es lässt sich kaum erheben, über welches Vermögen die in dieser Form Begünstigten verfügen werden. Trotzdem: Schon durch den Umstand, dass die gesetzliche Rente allein den Lebensstandard nicht mehr sichern kann, kommt privater Vorsorge eine hohe Bedeutung zu. Aus unserer Forschung wissen wir, dass das den Bürgern weitgehend bewusst ist. 90 Prozent der Paar-Haushalte betreiben in irgendeiner Form Vorsorge für das Alter. Im Durchschnitt legen sie dabei 10 Prozent des verfügbaren Einkommens zurück.
Aber reicht das aus?
Es kommt darauf an. Einige Bevölkerungsgruppen können ja gar keine großen Rücklagen bilden. Deshalb braucht es keine Panik, sondern vielmehr eine Politik, die mit ruhiger Hand gestaltet. Was hingegen wirklich hemmend wirkt, sind Diskussionen über die Effizienz von Altersvorsorgeprodukten, wie wir sie zum Beispiel beim Thema Riester erleben. Das ist mit Sicherheit kein Vorsorgebaustein, den man verdammen sollte, sondern einer, der sehr spezifische Vorteile bietet, zum Beispiel für junge Familien, die dann hohe Zulagen nutzen können. Die Frage ist also weniger, ob Riester bleiben soll oder nicht, sondern vielmehr, ob man die Förderkulisse vereinheitlichen kann, um die Vorteile des Riester-Sparens zum Beispiel auch in der betrieblichen Altersvorsorge nutzen zu können – das wird nämlich bislang kaum getan.
Riester ist kein Vorsorgebaustein, den man verdammen sollte.
Dr. Jochen Pimpertz
Was ist Ihr Eindruck: Sind die jungen Deutschen bei dem Thema Altersvorsorge zu zögerlich?
Aus einer Untersuchung des IW zur Teilhabe an der betrieblichen Altersvorsorge wissen wir: Die Gruppe der 25- bis 35-Jährigen zeigt die niedrigste Quote. Dieser Wert steigt aber in der zweiten Hälfte des Erwerbslebens an. Ich würde auch bei einem Berufsanfänger nicht das gleiche Interesse an dem Thema erwarten wie bei einem 45-Jährigen. Denn am Anfang der Karriere wird vielleicht erst einmal in die Ausbildung oder in die Familiengründung investiert. Und das stellt zunächst auch kein Problem dar, solange man das Vorsorgethema nicht zu lange aufschiebt.
Fehlen vielleicht auch einfach verständliche Informationen, die verraten: Das konkret muss ich noch tun für die Altersvorsorge?
Damit spielen Sie ja an auf Dinge wie ein Altersvorsorgekonto, auf dem alle Vorsorgemaßnahmen des Einzelnen gebündelt werden – das beurteile ich aber relativ skeptisch. Wir wissen, dass in der Tat eine systematische Fehleinschätzung besteht in der Frage, welches Einkommen künftig benötigt wird. Ich würde aber nicht sagen, dass es Aufgabe der Politik ist, solche Informationen zu geben, dafür gibt es doch zum Beispiel den Bankberater.
Dienstleister geben ja mit Vorsorgeverträgen zur privaten Altersvorsorge ein Versprechen ab. Aber was, wenn Kunden solchen Versprechen gegenüber skeptisch bleiben? Wie sollten Finanzdienstleister dann vorgehen?
Langfristige Anlageformen wie bei der Absicherung für den Ruhestand sind im besonderen Maß Vertrauensgüter. Dass Kunden bei Renditeversprechen skeptisch sind angesichts des Niedrigzinsumfelds, ist ja durchaus verständlich. Also ist für mich die wichtigste Aufgabe des Beraters: aufklären, aufklären, aufklären.
Bestimmt sprechen Sie auch einmal im privaten Zusammenhang mit Freunden und Bekannten über das Thema. Wozu raten und wie argumentieren Sie da?
Ich argumentiere so, wie ich selbst beraten wurde. Als junger Mensch ist Rechtsschutz wichtig, dazu kommt die Absicherung des Erwerbsminderungsfalls als Basis. Später dann würde ich mich um die Themen Ruhestand und Pflege kümmern. Ganz allgemein sage ich im privaten Umfeld: Beratung ist das Allerwichtigste. Das vergleiche ich mit dem Thema Gesundheit. Wenn ich mich krank fühle, gehe ich zum Arzt. Der stellt die Diagnose und leitet eine Therapie ein, falls notwendig. Mit steigendem Alter suche ich den Arzt auch auf, um Vorsorgeuntersuchungen machen zu lassen. Warum sollten wir das nicht auch in unseren finanziellen Belangen tun?
Dr. Jochen Pimpertz ist Leiter des Kompetenzfelds Öffentliche Finanzen, Soziale Sicherung und Verteilung im Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Die Altersvorsorge ist ein zentrales Thema in der Arbeit des promovierten Volkswirts.