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Hans Joachim Reinke spricht im Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (ZfgK)-Interview über die Forderungen an eine neue Bundesregierung und die neuen Abgeordneten des Bundestages.
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Stand: 09. November 2021
Herr Reinke, Deutschland hat gewählt. Und auch wenn sich die neue Regierungszusammensetzung bislang nur abschätzen lässt: Wie beurteilen Sie das Wahlergebnis? Mit dem Ausgang der diesjährigen Bundestagswahl betreten wir politisches Neuland. Die Bürgerinnen und Bürger haben mit ihrem Votum sozusagen „europäische“ Verhältnisse in Deutschland geschaffen: Keine Partei im neuen Bundestag hat eine dominierende Rolle – SPD und CDU lagen knapp beieinander. Insgesamt wurde die politische Mitte gestärkt und die Ränder glücklicherweise geschwächt. Nun wird es auf geschickte Diplomatie und Verhandlung ankommen, um die parteispezifischen Interessen in einem Koalitionsvertrag festzulegen und diese in den kommenden vier Jahre umzusetzen. Die Verantwortung liegt nun bei den Parteien. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie eine Regierung bilden werden, die Deutschland voranbringt und mutig neue Schwerpunkte setzt. Die Zeichen stehen auf Aufbruch. Das ist gut für Deutschland.
Wie wird die neue Bundesregierung ihre Rolle in Europa interpretieren – eher offensiv, oder eher defensiv? Dies lässt sich aktuell noch nicht vorhersagen. Aber eines lässt sich schon sehr sicher sagen, Deutschland wird auch künftig von einer europafreundlichen Regierung geführt. Dies zeigen die Parteiprogramme aller nun möglichen Koalitionspartner. Wie die genaue Ausgestaltung hier sein wird, ist jedoch letztlich von der Koalitionskonstellation abhängig.
Was bedeutet der Wahlausgang für Union Investment? In der aktuell sondierenden Ampel-Koalition werden uns vermutlich einige Herausforderungen etwa beim Thema Altersvorsorge oder Wohnungspolitik bevorstehen. Aber auch hier gilt es abzuwarten, was die Koalitionsverhandlungen ergeben werden.
Welche Auswirkungen hat dieses Wahlergebnis für die Finanzbranche im Allgemeinen und der Asset Managementbranche im Besonderen? Die Wahl bringt uns insbesondre Klarheit dahingehend, dass eine Rot-Grün-Rot Koalition nicht von den Bürgern gewollt ist. Und dies wäre auch aufgrund der wirtschaftspolitischen Programmatik von Rot-Grün-Rot für viele Investoren ein schwer kalkulierbares Risiko gewesen. Diese Option ist mit Freude der Märkte vom Tisch. Viele weitere entscheidenden Fragen für die Finanz und Asset Management Branche sind nach Einschätzung unserer Experten hingegen noch offen. Hier liegt es jetzt an den möglichen Ampel-Koalitionspartnern. Unsere Kapitalmarktexperten sehen insbesondere bei den kapitalmarktrelevanten Themen wie etwa der Schuldenbremse, der Steuer- und auch der Europapolitik großen Diskussionsbedarf bei den möglichen Koalitionären SPD, Grüne und FDP. Eins können wir denke ich schon sicher sagen - Themen wie die Dekarbonisierung und die Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels, Demografie und Digitalisierung werden einen Schwerpunkt der künftigen Bundesregierung bilden – egal, wer sie führt.
Was erwarten Sie von einer neuen Bundesregierung? Erstens, dass das System der sozialen Marktwirtschaft, das Deutschland in den letzten Jahrzehnten erfolgreich getragen hat, im Mittelpunkt bleibt. Zweitens, dass man eine Regulierung und Gesetzgebung bekommt, die pragmatisch und praxisorientiert ist. Drittens, dass der Staat nicht versucht, der bessere Unternehmer zu sein, indem man durch viele Regelungen den Wettbewerb, der dieses Land groß gemacht hat, unmöglich macht.
Welche Themen werden Sie nun gegenüber der Politik bzw. der neuen Bundesregierung vor allem adressieren? Wir beschäftigen uns sehr vorausschauend mit den politischen Inhalten, die uns und unsere Anleger bewegen. Dies umfasst im Zusammenhang mit der neuen Bundesregierung insbesondere die vier Themen Altersvorsorge, Nachhaltigkeit, Wohnimmobilien und die EU-Finanzmarktregulierung. All das hat Einfluss auf unsere Arbeit als einer der führenden Anbieter von Investmentfonds und fondsbasierten Altersvorsorgeprodukten in Deutschland. Als Teil der genossenschaftlichen FinanzGruppe werden wir uns mit all unserer Erfahrung zu diesen Themen in die politischen Diskussionen einbringen und diese aktiv begleiten.
Im Zuge der neuen Legislaturperiode beschäfitgen wir uns insbesondere mit den vier Themen Altersvorsorge, Nachhaltigkeit, Wohnimmobilien und die EU-Finanzmarktregulierung.
Hans Joachim Reinke
Vorstandsvorsitzender, Union Investment
Was ist Ihnen beim Thema Altersvorsorge wichtig? Wie geht es aus Ihrer Sicht mit der Riester-Rente weiter? Die umlagefinanzierte gesetzliche Rente ist und bleibt der zentrale Baustein der Altersvorsorge in Deutschland. Sie kann allein jedoch keine ausreichende Versorgung im Alter bieten. Daher ist eine zusätzliche private und/oder betriebliche Vorsorge erforderlich und zielführend. Um weiterhin attraktive Produkte anbieten zu können, bedarf es insbesondere aufgrund des Niedrigzinsumfelds einer Weiterentwicklung. Diese betrifft 5 Punkt in der Riester-Rente: Es braucht die Ausgestaltung eines Standardprodukts, welches sich auf die Kerneigenschaften einer ergänzenden Altersvorsorge konzentriert. Zweitens: Die Garantien müssen bei Riester-Produkten flexibilisiert werden, auf bspw. 70%. Drittens: Die Förderung von Riester muss transparent und einfach gestaltet werden. Viertens: Der Personenkreis muss erweitert werden und zuletzt sollten wir die Thematik der Zulage auch deutlich vereinfachen.
Am Thema Nachhaltigkeit kommt niemand mehr vorbei, es wird auch ein Schwerpunkt der künftigen Regierungsarbeit sein: Was ist hierbei aus Sicht der Finanz- und Asset Management-Branche zu beachten? Die Debatte rund um Nachhaltigkeit in der Finanzindustrie hat in den vergangenen drei Jahren spürbar Fahrt aufgenommen. Nachhaltigkeit wird das regulatorische Umfeld der Finanzbranche daher künftig massiv beeinflussen und ist längst kein Nischenthema mehr. Für uns ist daher ganz wichtig: Wir wollen nachhaltige Investitionen nutzen statt bremsen. Deshalb setzen wir uns bei Union Investment, als aktiver Investor mit genossenschaftlicher Prägung, für eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft ein. Dafür sind klare, pragmatische und praxisnahe Rahmenbedingungen der Politik notwendig. Die Stichworte sind hier aus meiner Sicht: Transformation fördern, Stabilität wahren, freien Zugang zu ESG-Daten sichern und Privatautonomie erhalten.