Source: https://www.finanzagenda.de/positionen-und-papiere/nationale-themen/weitere-themen/virtuelle-hauptversammlungen--ueberzeugen-uns-nicht
Eine Neuerung, die Corona mit sich gebracht hat, sind virtuelle Hauptversammlungen. Während der Pandemie waren sie eine Notwendigkeit, doch viele Unternehmen haben das Format bis jetzt beibehalten. Union Investment sieht das kritisch. Darüber haben wir mit unserer Kollegin Dr. Vanda Rothacker, Senior ESG-Analystin und Corporate Governance-Expertin im Portfoliomanagement, gesprochen.
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Wir haben in den vergangenen drei Jahren keine einzige virtuelle Hauptversammlung erlebt, die uns vollständig überzeugt hat. Auch die oft gelobte virtuelle HV der Deutschen Bank kam nicht an die früher üblichen Präsenzformate heran. Der Grund: Man kann zwar vorab Fragen einreichen, aber der Austausch mit anderen Aktionären und der persönliche Kontakt mit dem Unternehmen entfällt.
Deshalb erwarten wir bei künftigen Aktionärstreffen die Bereitschaft von Vorstand und Aufsichtsrat, sich endlich wieder dem öffentlichen Dialog mit ihren Anteilseigern zu stellen. Wir fordern zudem, dass wir als Aktionäre bei künftigen Hauptversammlungen wieder unser volles Frage-, Rede- und Auskunftsrecht bekommen, im besten Falle mit der Möglichkeit zur Präsenzteilnahme vor Ort.
Bei Delivery Hero war 2021 nicht mal der Vorstandschef anwesend – es gab von ihm lediglich eine Grußbotschaft per Video.
Dr. Vanda Rothacker
Corporate Governance-Expertin bei Union Investment
Ja, auf vielen virtuellen Hauptversammlungen waren noch nicht einmal alle Vorstände und Aufsichtsräte anwesend, sondern nur der Vorstandschef, der Finanzvorstand und der Aufsichtsratsvorsitzende. Das reicht aber nicht. Bei Delivery Hero war 2021 nicht mal der Vorstandschef anwesend – es gab von ihm lediglich eine Grußbotschaft per Video.
Deshalb bevorzugen wir klar die Präsenzhauptversammlung. Nur dort ist eine lebhafte Generaldebatte möglich. Und nur dort kann man als Aktionär den gesamten Vorstand und Aufsichtsrat erreichen, was nur an diesem Tag im Jahr möglich ist.
Unternehmen mit einem hohen Streubesitz werden die notwendigen Satzungsänderungen, um dauerhaft auf virtuelle Aktionärstreffen umzusteigen, vermutlich nicht beliebig durchboxen können. Sie müssen mit Gegenwind auf der nächsten Hauptversammlung rechnen. Deshalb denke ich, dass die Aktionäre hier durchaus mitreden können. Es gibt allerdings einen Wermutstropfen: Die meisten Unternehmen werden entweder auf das Präsenz- oder auf das Onlineformat einschwenken. Hybride Formate, die den Aktionären die meisten Vorteile bieten, sind leider eher unwahrscheinlich, weil die Unternehmen den höheren Aufwand dafür scheuen.
Wir wissen aber bereits, dass mehrere DAX-Unternehmen 2023 freiwillig zur Präsenz-HV zurückkehren. Dazu zählen die Deutsche Telekom, die das schon 2022 als einziges DAX-Unternehmen freiwillig getan hat, Henkel, BASF und Symrise.
Stand: 12.01.2023