Source: https://www.finanzagenda.de/termine-und-gespraeche/mdb-mueller-im-interview
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Stand: 07. Dezember 2022
Im FinanzAgenda-Interview spricht der CSU-Bundestagsabgeordnete, Stefan Müller, unter anderem über den Finanzstandort Deutschland, Nachhaltigkeit und Altersvorsorge. Stefan Müller ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2017 Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Zudem ist er u.a. ordentliches Mitglied im Finanzausschuss.
Als wichtigen Schritt für eine Stärkung der deutschen Finanzindustrie sehe ich die Vollendung der Kapitalmarktunion. Dort sollte die EU-Kommission größer und weitsichtiger denken. Sie verliert sich zurzeit zu sehr in kleinteiligen Regulierungen und verliert dabei das große Ganze aus dem Blick. Denn wir brauchen die Kapitalmarktunion, um substanzielles Kapital für die ökologische und digitale Transformation der Wirtschaft zu erhalten, da das europäische Kapital dafür allein nicht ausreichen wird. In der jetzigen Form ist der europäische Kapitalmarkt für ausländische Investoren zu kleinteilig und daher unattraktiver.
Wir müssen den Finanzstandort Deutschland insgesamt stärken und diesem Zusammenhang auch den Finanzplatz Frankfurt. Denn er steht nicht nur im Wettbewerb mit dem übermächtigen Konkurrenten USA, sondern auch mit innereuropäischen Wettbewerbern wie Paris, Amsterdam, Dublin. Ein erster Schritt dahin wäre europäische Regulierungsbehörden in Frankfurt anzusiedeln und damit das dortige Ökosystem zu stärken. Auch eine stärkere Kapitalmarktdeckung der Altersvorsorge und die Steigerung der Attraktivität privater Anlagen am Kapitalmarkt, die wir erreichen wollen, würden dem Finanzstandort Deutschland zugutekommen. Darüber hinaus müssen wir übermäßige Regulierung vermeiden und ein neues Verständnis schaffen für die wichtige Rolle, die die Finanzwirtschaft für unsere Wirtschaft, unseren Wohlstand aber auch die nachhaltige Transformation unseres Landes einnimmt. Dabei müssen Rentabilität und Profitabilität unserer Finanzindustrie unterstützt und als positives Ziel angesehen werden.
Bildung ist zwar Ländersache, dennoch wollen wir an einem Lehrkonzept zur besseren Bildung in Ökonomie und Finanzen arbeiten. Eine finanzielle Bildung, mit der stärkere finanzielle Souveränität und Eigenverantwortung einhergehen, halten wir für ausgesprochen wichtig. Wir wollen mehr Menschen dazu befähigen, an dem Wohlstand des Landes und unserer Wirtschaft partizipieren zu können.
Nachhaltigkeit ist ein Leitgedanke für mein politisches Handeln. Dabei geht Nachhaltigkeit über die ökologische Betrachtung hinaus: es bedeutet, dass wir auch unseren Kindern das Versprechen machen müssen, dass sie mindestens in gleichen wirtschaftlichen Verhältnissen wie wir leben können. Dieses Versprechen sehe ich zurzeit bedroht. Ich setze mich für ökologische, aber auch wirtschaftliche und finanzielle Nachhaltigkeit ein. Unter Vermeidung ökologischer Risiken möchten wir auch den finanziellen Wohlstand für Alle jetzt und in Zukunft ausbauen.
Ich setze mich für ökologische, aber auch wirtschaftliche und finanzielle Nachhaltigkeit ein.
Stefan Müller
Mitglied des Deutschen Bundestages, CSU
Strenge und kleinteilige Betrachtungen von Nachhaltigkeit wie bei den ESG-Kriterien halte ich für nicht zielführend. Die Status-Quo-Betrachtung nachhaltiger Anlagen ist realitätsfern und trifft in seiner engen Betrachtung auf so wenige Anlagemöglichkeiten zu, dass sie für den Großteil der Anleger nicht interessant ist. Stattdessen müssen Nachhaltigkeitskriterien auch dynamische Komponenten berücksichtigen, also den grünen Transformationspfad. Investitionen in bereits grüne Wirtschaftsbereiche werden keinen nennenswerten Einfluss auf eine grünere Wirtschaft und Umwelt haben. Investitionen in braune Anlagetypen mit dem Ziel der grünen Transformation werden die Wirtschaft zur Nachhaltigkeit führen können. Daher brauchen wir weniger strenge und statische Nachhaltigkeitskriterien, sondern mehr Transparenz über die Anlageprodukte. Der mündige Anleger soll dann entscheiden und seine Anlagestrategie frei gewichten können.
Die Aktienrente in dem geplanten Umfang wird zu keiner spürbaren Entlastung der Rentenversicherung führen. Das Konzept mit einem minimalen Ansatz der Kapitalmarktdeckung ist nicht sehr wirkungsvoll. Darüber hinaus ist die Umsetzung innerhalb der Koalition fragwürdig. Positiv ist, dass die Aktienrente zumindest ein Startpunkt für Überlegungen zur kapitalgedeckten Altersvorsorge ist. Eine Umlagefinanzierung ist, unter den demographischen Umständen, weder nachhaltig noch generationengerecht.
Wir müssen die kapitalgedeckte Altersvorsorge deutlich ausweiten, um dadurch künftige Generationen zu entlasten.
Mitglied des Deutschen Bundestages, CDU/CSU-Bundestagsfraktion
Wir müssen die kapitalgedeckte Altersvorsorge deutlich ausweiten, um dadurch künftige Generationen zu entlasten. Zudem brauchen wir eine neue Sicht auf die wechselseitigen Vorzüge der Anlage am Kapitalmarkt: nachhaltige Finanzierung der Altersvorsorge, Mitnahme der positiven Entwicklung der Kapitalmärkte und gleichzeitig die Stärkung des deutschen Kapitalmarktes, deutscher börsennotierter Unternehmen und des Wachstumsmarktes. Außerdem denken wir über Konzepte wie die Generationenrente nach, bei der ab Geburt über einen Zeitraum von 18 Jahren ein monatlicher Betrag vom Staat am Kapitalmarkt für die Altersvorsorge des Kindes angelegt werden soll. Ergänzend prüfen wir die Wiedereinführung der Spekulationsfrist bei Kapitalmarktanlagen. Zudem finde ich das Konzept der Anlagesparkonten nach britischem Vorbild sehr spannend.